Eintrag 8: Es ist Montag, der 20. April 2020.

Die Allermeisten haben mittlerweile eine Routine für die Situation entwickelt, oder sich zumindest damit abgefunden. Nur von der Regierung kommen nach wie vor uneindeutige Signale. Here we go again. Einerseits sind alle Festivals diesen Sommer fix abgesagt, damit war leider zu rechnen. Gleichzeitig verlautbart die Schutzpatronin des Tourismus, Elli Köstinger, dass durchaus denkbar ist, deutsche Touristen im Sommer in Österreich urlauben zu lassen. Entweder werden Hotels zu medizinischen Hochsicherheitstrakten oder sie wird sich die Frage gefallen lassen müssen, was dann der große Unterschied zu Ischgl sein wird. Denn Touristen kann man schwer verbieten, mit anderen Urlaubsgästen am Abend etwas zu trinken. Statt Sommerloch lieber doch wieder Kitzloch?

Ab Anfang Mai sperren wieder alle Geschäfte auf und Bundeskönig Sebastian stellt in den Raum, dass ab Mitte Mai zwar wieder alle Restaurants öffnen könnten, aber zum mundschutzpflichtigen Terrain werden. Romantische Verstellung, wenn beim Candle Light Dinner sich eine Person zur anderen beugt und dabei die Schutzmaske zu brennen beginnt. Das kann kein feuerspeiender Showkoch der Welt toppen! Die letzte Meldung war aber, dass die Maskenpflicht nur für das Personal gelte. Dabei stellt sich aber wieder die Sinnfrage, denn die Billa-Masken mit der gefühlten Schutzwirkung einer angeschnäuzten Serviette sind ja nur für das Umfeld des Überträgers viraler Tröpfchen wirksam. Und das auch nur bis zu einem gewissen Grad. (Etwas) geschützt wären in dem Fall nur die Restaurantgäste, obwohl es ja das Personal ist, das die ganze Schicht lang ein- und ausgehender, potentieller Gefahr ausgesetzt ist. Die Kellnerinnen und Kellner bräuchten die leicht angsteinflößenden, weißen Nasen-Stahlkappen-Baustellen-Masken, den Ferrari am Maskenmarkt. Doch diese Masken sind rar. 

Weiterhin wird aber betont, dass uns Maßnahmen wie das Abstandhalten, die Maskenpflicht in der Öffentlichkeit und das Ellbogenbeugeniesgebot begleiten werden, bis ein Impfstoff zur Verfügung steht. Böse Zungen könnten jetzt behaupten, dass ein solches Wundermittel längst existieren würde, hätte man nicht sämtliche Menschen mit Ahnung in dem Feld wochenlang in Fernsehstudios gepfercht, nur um dort im Interview die Frage der Moderatoren, ob bald ein Impfstoff bereitstehe, zu verneinen.

Die vielleicht wichtigste Frage, wie es genau mit den Schulen weitergeht, wurde bislang gekonnt ignoriert. Aber Hoffnung naht, für diese Wochen sind weitere Pressekonferenzen angekündigt, in denen der weitere Fahrplan präsentiert wird. ‚Präsentiert‘, als wäre es der neue Masterplan zur Weltrettung, deren Präsentation die ganze Menschheit euphorisch und entsprechend ungeduldig entgegenfiebert. In all dieser Ankündigungspolitik geht leider schnell der Fokus auf die wesentlichen Themen verloren. Warum für die meisten Kinder erst Mitte Mai, und das nur schrittweise, die Schulen geöffnet werden, obwohl viele Kinder von Handelsangestellten schon jetzt oder ab Anfang Mai alleine zu Hause sitzen, da die Schulbetreuung nur in der Presseaussendung reibungslos funktioniert. Oder etwa, was genau mit dem Mantra „systemrelevanter“ Jobs passiert ist? Wenn jetzt alle Geschäfte wieder öffnen, auch jene mit Golfequipment oder Modelleisenbahnzubehör, die in die Relevanzkategorie „entweder zu viel Zeit oder zu viel Geld“ fallen, was macht diese „systemrelevanter“ als beispielweise Fitnessstudios? Um mich gefährlich nah an die Blasphemie heranzuwagen: Was macht Gottesdienste „systemrelevanter“ als Kinovorstellungen von Regisseuren, die durchaus als Götter ihrer Zunft bezeichnet werden können?

Voraussetzung bei alledem ist natürlich eine sinnvolle Abstandsregelung, in vielen Fällen ist wahrscheinlich nur etwas Kreativität gefragt.

Die Ausgangssperre soll vorerst bis Ende April gelten, die Gesichtsschutzpflicht dürfte uns aber noch länger begleiten. Aber sollten Mitte Mai wirklich wieder alle Restaurants und damit vermutlich auch Bars öffnen, was für Auflagen wird es dabei geben? Denn beim zu erwartenden Run auf die Gastronomie – in ihrer kulinarischen Bandbreite vom Floridsdorfer Stehbuffett bis zum Steirereck – kann niemand ernsthaft behaupten, dass ein Mindestabstand einhaltbar sei. Auch verpflichtende telefonische Reservierungen beim Dönerstand des Vertrauens – 48 Stunden im Vorhinein, versteht sich – um für einen dreiminütigen Timeslot peniblen Sicherheitabstand an der Alutheke gewährleisten zu können, wäre, sachte ausgedrückt, etwas Neues.

Die Ansage, dass unter der Voraussetzung der Maske und Abstandhalten das „normale“ Leben wieder aufgenommen werden kann, ist utopisch. Denn dadurch, dass die Masken rein optisch eher zur Kontaktabschreckung taugen denn als Virusbarriere, müssten theoretisch alle Menschen beim Maskentragen mitmachen. Und das ist nur durch Polizeikontrollen und strikte Strafen zu erzwecken, was, aus Umfragepolitik heraus, nicht einmal der rhetorische Kriegsminister Nehammer befürworten würde.

Mein Highlight der letzten Woche war allerdings Kurz‘ CNN Interview, in dem er – entgegen der bisherigen Gewohnheiten – die neuesten Informationen statt per Pressekonferenz als erstes im Fernsehinterview verkündete. Aber nicht im ORF, ZDF oder SWR. Wenn schon, dann gleich im US-amerikanischen Fernsehen. Anscheinend wurde Kurz die Bühne der Inszenierung zwischen Meidling und dem Waldviertel zu einengend, und sucht folglich auf seiner Reise der Selbstverwirklichung neue Ufer auf.

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