Eintrag 5: Es ist Dienstag, der 31. März 2020.

Es ist erstaunlich, wie schnell man sich auf eine Situation einstellen kann, die nicht weiter von einem „Alltag“ entfernt sein könnte, und wie schnell sich ein absoluter Ausnahmezustand „normal“ und unspektakulär anfühlen kann. Natürlich verfolgt man, zunehmend abgebrüht und abnehmend sensibel, die Nachrichten über die katastrophalen Zustände in den, mittlerweile quer über den Globus verteilten, viruserfassten Ländern. Aber wirklich an sich ran lässt man die Tragik nicht, zu weit weg scheint die Gefahr. Noch immer.  

Gestern hat die Regierung, in einer weiteren hochspektakulären Pressekonferenz, neue Maßnahmen verkündet: Es müssen Gesichtsschutzmasken her! Anders als in Asien, wo solche Masken (warum auch immer, unabhängig von Corona zum normalen Leben gehören), vermutet man hierzulande hinter dieser Maßnahme eher pädagogische als medizinische Beweggründe. Wenn bald maskentragende Menschen das Straßenbild bestimmen, wird manchen die vollkommene Anders-und Neuartigkeit der Virusgefahr vielleicht durch die visuelle Irritation bewusst. Wenn‘s etwas bringt, und manche jetzt aus Maskenphobie (wenn schon nicht Virusphobie) eher zu Hause bleiben: Chapeau, liebe Regierung!

Die österreichische Politiklandschaft ist im Moment spiegelglatt wie der Eistraum am Rathausplatz. Nicht einmal von dort kommt dieser Tage medienwirksamer Protest gegen die Bundesregierung. Die Opposition klammert sich momentan am Tiroler „bisch a Tourischt oder bisch a Mensch?“ – Systemversagen fest, aber wirkliche Querschüsse gegen die Bundespolitik gibt es nicht. Die Medien samt ihren Themen werden sowieso vom Virus beherrscht, man ist seit Start der öffentlichen Einschränkungen auf Hofberichterstattungs-Journalismus übergegangen. Das ist zwar, zur massenwirksamen Informationsverbreitung, am Anfang wirklicher Krisen legitim. Aber mit der Zeit wird es wirklich problematisch, wenn in erster Linie der Wortlaut der Pressekonferenzen abgedruckt wird, und aus übertriebener Rücksicht auf die Stimmungslage im Land kein kritisches Wort gegenüber der Regierung fällt. Wie groß die Gefahr ist, dass ein solcher Ausnahmezustand politisch missbraucht wird, kann gerade in Echtzeit in Ungarn beobachtet werden, wo gestern die Demokratie in den künstlichen Corona-Tiefschlaf versetzt wurde. Hoffentlich wird sie zumindest intensivmedizinisch gut betreut.

Ein Thema, das in Bezug auf Grundrechtseingriffe in Österreich gerade für große Diskussionen sorgt, ist die Überwachung von Handy- und Bewegungsdaten. Offiziell heißt es, die Regierung denke zumindest darüber nach. Die Opposition reagiert mit großer Skepsis. Interessanterweise hätte bereits das Corona-Gesetz von vorletztem Wochenende einen „Handydaten-Paragraf“ beinhalten sollen, aber dann wurde angeblich rechtzeitig klar, dass eine genaue Handyortung nur über das Mobilfunknetz technisch nicht machbar ist. Jetzt ist also eher die Rede von Standorterkennung per GPS oder gleich der Auswertung der Handydaten selbst, was einen bisher einzigartigen und wirklich problematischen Einschnitt in die Privatsphäre bedeuten würde. Und doch würde ich behaupten, dass eine Mehrheit der österreichischen Bevölkerung einem Tauschhandel Handyüberwachung gegen Lockerung der Ausgangsbegrenzung zustimmen würde.

Momentan wirken solche Maßnahmen, angesichts der (noch) akzeptablen Lage in Österreich (noch) ziemlich überzogen. Aber wer weiß, es ist vielleicht gar nicht unwahrscheinlich, dass diese Zeilen in zwei Wochen völlig arroganter, idealistischer und zynischer Müll sind, wenn das Gesundheitssystem gerade vor dem Kollaps steht. Und wenn Ärzte anhand des Alters der Patienten entscheiden müssen, wer an ein lebensrettendes Beatmungsgerät angehängt wird, und wer nicht.

Im Moment ist niemand, außer (hoffentlich) den Entscheidungsträgern und deren Beratern, auch nur annähernd in der Lage, die Situation auch nur allergröbstens einzuschätzen. Im Spektrum zwischen „langsame Entspannung der Lage“ bis zum „Ruhe vor dem Sturm“ ist dieser Tage alles zu hören, und gerade diese Ungewissheit ist das Gefährliche. Eine Ungewissheit, die sonst durch belebte Diskussionen, kontroverse Medienberichte und politische Lagerkämpfe ausgeglichen wird. Aber aktuell ist der/die „kritische StaatsbürgerIn“ in der Rolle eines Kleinkinds, das darauf vertraut, dass die Eltern schon das richtige machen werden. In der Krise ok, aber Wien darf nicht Budapest werden! Nicht einmal ansatzweise.

Im Moment ist anzunehmen, dass dieser ganze Ausnahmezustand nicht nur Wochen, sondern eher Monate dauern wird. Von einem regulären restlichen Semester können sich wohl Schülerinnen und Schüler genauso verabschieden wie Studierende. Wenn es gut läuft, wird zumindest das (R)Ausgehverbot für junge Menschen vor Beginn der Sommerferien gelockert, aber auch nicht übermorgen. Ich bin ehrlich, ich bin jetzt schon ungeduldig. Weil anfangs nicht damit zu rechnen war, dass der „Zustand“ so lange dauern wird. Das liegt an gut gemeinter, aber zu schonender Regierungskommunikation. Rückblickend ist kaum vorstellbar, dass man vor zwei Wochen wirklich mit Ostern als Ende der Quarantäne gerechnet hat. Dadurch hat man sich auf ein bedeutend kleineres Krisenausmaß eingestellt, und es ist schon frustrierend, den Zeitrahmen jetzt gedanklich zumindest verdoppeln zu müssen. Zu groß waren jeweils der Interpretationsspielraum von Politikeraussagen und die Portion persönlichen Wunschdenkens.

Anders als sonst, sind unsere Handlungsspielräume in der aktuellen Lage ganz genau vorgegeben und nicht im Geringsten steuerbar. Jede Flexibilität, jede individuelle Aktivität außer Haus ist plötzlich nonexistent. In den nächsten Wochen wird es darauf ankommen, sich so gut wie möglich damit zu arrangieren. Die Alternativen sind begrenzt.

Erboster Einspruch, euphorische Zustimmung oder anderer Input? Nichts wie her damit!

Ein Kommentar zu “Eintrag 5: Es ist Dienstag, der 31. März 2020.

  1. Wie schnell sich das ´normal´anfühlt, wie schnell man sich einrichtet – das erstaunt mich auch.
    Handlungsspielräume sehe ich. was ist ´notwendig´, was nicht. Allerdings fallen diese Fragen und Entscheidungen mir, und das ist das Merkwürdige, beinah schwer.
    https://beatekalmbach.home.blog/corona/
    ebenfalls ein ´Coronatagebuch´

    Liken

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